D I E   V O R G E S C H I C H T E


Schneider TM: Als ich auf diese eine Aufnahme aus den 90ern von Radio France mit Musik der Lobi stieß, traf es mich wie ein Blitz... Mir wurde schwindelig unter dem Kopfhörer. Ich spürte eine unglaubliche Energie, so dass mir fast die Tränen kamen. Die Polyrhythmik und Harmonien der sich scheinbar endlos immer weiter gegeneinander verschiebenden Schleifen und Strukturen von Balafon und Perkussion sowie deren Wendungen in die Improvisation – gespielt mit einer unglaublichen Präzision – waren absolut umwerfend.















>> https://itunes.apple.com/gb/album/burkina-faso-pays-lobi-funeral/id424160677

>> https://itunes.apple.com/de/album/burkina-faso-pays-lobi-xylophones/id253720672


2003 fand Dirk Dresselhaus (Schneider TM) bei seinen Recherchen zur westafrikanischen Balafonmusik diese Tonaufnahmen, die ein französisches Filmteam im Land der Lobi im Südwesten Burkina Fasos aufgezeichnet hatte.

Die Lobi sind ungefähr 200.000 Menschen, die vornehmlich im Südwesten Bukina Fasos leben. Ihre außergewöhnliche Musik und skulpturale Kunst durchdringt alle Bereiche ihres Lebens - vom Profanen bis zum Spirituellen. Dabei spielt in der Musik das Balafon eine zentrale Bedeutung. Sie unterscheidet sich grundlegend in Harmonik, Rhythmik von anderen westafrikanischen Musikströmungen und wird in erster Linie für Bestattungs- und andere rituelle Musiken eingesetzt. Sie dient aber auch der musikalischen Geschichtserzählung.

Das Balafon ist ein Xylophon mit untergehängten, präparierten Kalebassen als Resonanzkörper, das seit dem 12. Jh. mit seiner sehr eigenen poetischen Klangfarbe in ganz Westafrika gespielt wird. Es steht gewissermaßen als Ur-Schlagwerk-Instrument symbolhaft für die reiche Musikkultur zwischen Guinea und Burkina Faso. Im Unterschied zu vielen anderen Musikrichtungen Westafrikas blieb die Lobi-Musik - sowie deren ganze Kultur - aus traditionellen Gründen weitestgehend vom Weltmusik-Kommerz abgeschnitten.


Schneider TM: Seit dem ich diese CD gefunden habe, habe ich sie sehr, sehr oft gehört, als Gast in Radiosendungen gespielt und bei DJ Sets unter anderem mit Musik wie z.B. von Earth, Spacemen 3, Autechre, Merzbow oder eigenen Improvisations-Aufnahmen gemischt und gedubbed. Im Geheimen dachte ich schon lange daran, daß man mal diese Musik live mit den eher freien Noise-, Elektronik- und Improv-Klangwelten der Europäischen oder speziell Berliner Szene verknüpfen müsste.


Im Berliner Winter 2012/13 entstand bei uns der Plan, ins Land der Lobi zu reisen, um diesen speziellen Sound wie er sich auf den Aufnahmen von Radio France offenbart, zu suchen. Dazu wollen wir die Musiker Palé Tioionté (gest. Juli 1999), Hien Bihoulèté und Kambiré Tiaporté bzw. deren musikalische Nachfahren in der Region bei Gaoua im Süden Bukina Fasos finden...

Dank der Kulturstiftung des Bundes war es uns möglich, diese Reise anzutreten. Vom 3.-30.6.2014 waren wir unterwegs. >> Die Recherche




* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

D E R   M Y T H O S   D E R   L O B I   V O M   B A L A F O N


Am Anfang war die Erde von Tieren und den Geistern kõtéé bewohnt, dann erst kamen die Menschen. Eines Tages fand sich eine Spinne mit ihren Kindern am Rand eines Sumpfes wieder. Sie wollte ihn überqueren, wusste jedoch nicht wie. Sie legte ein Stück Baumrinde aufs Wasser, nahm darauf Platz und ließ sich zum anderen Ufer treiben. Als sie feststellte, dass ihr Einfall gut war und das der Sumpf so kein Hindernis mehr darstellte, kam sie zurück und überquerte das Wasser zusammen mit ihren Kindern. Doch die ganze Zeit beobachtete sie ein Wassergeist. Als die Spinne das andere Ufer erreichte, zeigte er sich ihr und sprach: "Ah ja, ich habe dich bei deinem Unternehmen beobachtet, und es scheint mir, als seist du klug. Zeig mir, wie es geht, und ich lehre dich dafür etwas anderes."

Und die Spinne zeigte dem Wassergeist, wie man den Sumpf überquert.
Und nun zeigte der Geist der Spinne etwas. Er nahm vier trockene, genannte Holzstäbe, grub ein Loch in die Erde, legte die Stäbe darüber und begann sie zu schlagen. Auch die Spinne schlug sie: "Wozu soll das dienen?" fragte sie. Der Geist antwortete darauf: "Wenn jemand in deiner Familie stirbt, dann schlägst du die Stäbe auf diese Weise. Die anderen werden kommen und dich fragen, was los sei. Wenn du dann sagst, dass jemand gestorben ist, dann werden sie dich unterstützen und dir beim Begräbnis helfen."
Doch die ganze Zeit über wurden sie von einem Jäger belauscht, der sich in einem Baum versteckt hatte. Zu dieser Zeit sprachen Menschen und Tiere nämlich noch die gleiche Sprache, es gab nur eine. Der Jäger wurde von Furcht ergriffen und ging zurück zu seiner Hütte.
Eines Tages starb das Kind des Löwen. Die Spinne ging hin und sagte zum Löwen: "Ich habe ein Instrument gefunden, mit dem man das Begräbnis ankündigen kann. Ich werde an deiner Seite sein, die Leute werden kommen und mit dir weinen." Und die Spinne tat, was der Geist ihr gezeigt hatte. Alle Bewohner der Steppe wurden auf die Musik aufmerksam und liefen herbei und stellten fest, dass das Löwenkind verstorben war und alle beweinten das tote Löwenkind.
Als der Jäger dies sah, entdeckte er, dass der Geist nicht gelogen hatte.
Er ging zurück nach Hause und erzählte, was er gesehen hatte. Dann versuchte er, selbst ein Xylophon zu bauen. Doch er sah, dass vier Hölzer nicht genug waren. Er ging in die Steppe und schnitt sich aus dem Holz des Baumes khu die Stücke zurecht. Nun ist aber der khu der Baum der Geister, und die Lobi bedienen sich seiner, um aus seinem Holz ihre Fetische zu schneiden, und niemals verbrennen sie ihn.

Eines Tages, beim Tod eines Kindes, nahm der Jäger sein neues Xylophon und spielte. Die Geister kamen, um das tote Kind zu beweinen. Doch dann wurden sie gewahr, dass der Mann Holz ihres eigenen Baumes, des Baumes khu, der sie schützte, für das Xylophon verwendet hatte. Zornig kehrten sie in die Steppe zurück. An diesem Tag haben sie beschlossen, dem Menschen unsichtbar zu werden und sie sprechen seit dem eine diesem unverständliche Sprache.


>> zitiert aus dem CD-Booklet "Burkina Faso. Pays Lobi. Xylophone de funérailles", Radio France 1999.

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

B  A  L  A  F  Ò

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

>> Start     >> Die Vorgeschichte     >> Die Recherchereise     >> Unsere Pläne

>> langue - languageb_index.htmlshapeimage_1_link_0